Doch Bowies Geschichte wäre nicht seine, wenn er nicht immer wieder das Ruder herumreißen würde.
Nach dem glanzvollen, aber für ihn persönlich problematischen Erfolg von "Let's Dance" tauchte Bowie in ein ganz anderes Projekt ein: Tin Machine. Diese Band, die in den späten 1980ern entstand, war ein radikaler Bruch mit seinem vorherigen Image. Mit härteren Klängen und einem „Band-vor-Solo“-Ansatz suchte Bowie eine Art kathartische Reinigung, eine Möglichkeit, sich vom Glamour zu distanzieren, der ihn scheinbar erstickt hatte. Tin Machine war keine Band für die Massen, und genau das wollte Bowie. Er wollte, dass die Leute seine Musik wieder um ihrer selbst willen hörten, nicht nur weil sie von einem Superstar kam.
Nach Tin Machine folgten die 90er Jahre – ein weiteres Jahrzehnt voller Veränderungen und künstlerischer Erkundungen. Bowie warf sich in ein Meer von musikalischen Experimenten, von Industrial-Rock über Elektronik bis hin zu Drum-and-Bass. Die Alben "Outside", "Earthling" und "Hours..." waren keine konventionellen Erfolge, aber sie zeigten einen Künstler, der es wagte, sich selbst immer wieder in Frage zu stellen und zu erneuern. Nicht jeder fand Zugang zu diesen Werken, aber für Bowie bedeuteten sie kreative Freiheit.
Nach einer langen Phase des Rückzugs in den 2000er Jahren überraschte Bowie die Welt mit dem Album "The Next Day" im Jahr 2013. Es war sein erstes neues Album seit zehn Jahren und ein regelrechtes Comeback, das nicht nur Kritiker, sondern auch Fans begeisterte. Das Album war voller Energie und zeigte Bowie in Bestform – aber auch mit einem Hauch von Reife, der die Jahre des Schweigens widerspiegelte. Die Texte reflektierten Vergangenheit, Verlust und Veränderung und ließen erahnen, dass Bowie sein eigenes Werk mit neuen Augen betrachtete.
Noch überraschender als "The Next Day" war "Blackstar", das nur wenige Tage vor seinem Tod 2016 erschien. Mit seinem letzten Werk, das Elemente von Jazz, Avantgarde und experimenteller Musik vereinte, verabschiedete sich Bowie auf eine Weise, die seinesgleichen sucht. "Blackstar" war eine düstere, rätselhafte Reise – nicht einfach zugänglich, aber von atemberaubender Intensität. Rückblickend ist es unmöglich, "Blackstar" zu hören, ohne die unterschwellige Trauer und den Abschied zu spüren, die darin mitschwingen.
Ein Element blieb in Bowies Karriere jedoch konstant: Er veröffentlichte stets Musik, die seinen eigenen künstlerischen Standards entsprach. Auch in Zeiten, in denen er mit der Industrie und seinem Publikum auf Kriegsfuß stand, blieb er seiner Vision treu. Alben wie "Outside" und "Earthling" mögen nicht die kommerziellen Meilensteine gewesen sein wie "Ziggy Stardust" oder "Heroes", aber sie zeigten einen Künstler, der keine Kompromisse einging. Selbst wenn Bowie selbst nicht immer vollkommen zufrieden war, gelang es ihm doch, Musik zu schaffen, die seinem Status als kulturelle Ikone gerecht wurde.
Die post-1983-Phase in Bowies Karriere mag nicht die glorreichste oder kommerziell erfolgreichste gewesen sein, doch sie war von großer Bedeutung für seine Entwicklung und seinen anhaltenden Einfluss auf die Musikwelt. Sie zeigt einen Mann, der sich immer wieder neu erfand und unermüdlich danach strebte, seine eigene Stimme zu finden – eine Stimme, die bis heute nachklingt und Generationen inspiriert.

VÖ: 30. Januar 2025
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Reinhold