Chroniken 15.07.2026 7 Min. Lesezeit 37 Ansichten

Bowie: Ein Mann vieler Masken

Veröffentlicht von Reinhold
Bowie: Ein Mann vieler Masken

Von Eve MacNeill (Veröffentlicht vom Victoria and Albert Museum)

David Bowie nutzte während seiner gesamten Karriere in der Musik- und Filmwelt Masken in unterschiedlichen Formen. Immer wieder erfand er sein Gesicht neu – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Das David Bowie Archiv beherbergt dutzende dieser Masken. Jede von ihnen hält einen ganz bestimmten Moment fest und dient gleichzeitig als zeitlose, unbeschriebene Leinwand.


Bowies Faszination für Masken begann Ende der 1960er-Jahre mit seiner Arbeit als Mime. Er lernte beim Tänzer und Pantomimen Lindsay Kemp, dessen Stücke stark von alten Theaterformen geprägt waren. Eines von Bowies ersten Musikvideos war ein Stummspiel-Sketch namens The Mask. Darin findet ein junger Mann in einem Antiquitätengeschäft eine Maske, die ihn zu einem berühmten Pantomimen macht. Auf der Bühne merkt er jedoch, dass er die Maske nicht mehr abnehmen kann, und stirbt im Scheinwerferlicht - eine erstaunlich vorausschauende Geschichte, die Bowies späteres, komplexes Verhältnis zu Ruhm und Kunstfiguren widerspiegelt.
Bowie ließ sich auch vom japanischen Theater inspirieren, etwa vom Kabuki und Noh, wo Gesichter stark geschminkt oder maskiert sind. 1973 schenkte er seinem Freund und Visagisten Pierre LaRoche ein Buch über japanische Theatermasken. Dieses Buch beeinflusste LaRoches spätere Arbeit stark - besonders sichtbar beim Album-Cover von Pin Ups. Darauf tragen Bowie und das Model Twiggy aufgemalte Gesichtsmasken, die ihre echten Gesichter in künstliche, fast unheimliche Züge verwandeln.
1974 drehte Alan Yentob die Dokumentation Cracked Actor (veröffentlicht 1975). Gleich zu Beginn sieht man Bowie hinter den Kulissen seiner Diamond Dogs-Tour in Los Angeles, wie ein Abdruck seines Gesichts genommen wird. Der Spezialeffekt-Künstler Bill Malone, der sonst für Horrorfilme arbeitete, stellte diese Form her. Aus dem Abdruck entstanden mehrere durchsichtige, silberne Plastikmasken. Eine davon hält Bowie am Anfang des Films in der Hand. Diese Originalmasken sind heute leider verschollen - die Gussform blieb jedoch erhalten. Im Archiv befinden sich viele spätere Gesichtsabdrücke, die aus genau dieser Form von 1974 stammen. Man erkennt sie gut an Bowies schmalem Gesicht und den leicht geöffneten Lippen.
1982 wurde für den Spielfilm Begierde (The Hunger) erneut ein Abdruck genommen. Bowie spielt darin einen hunderte Jahre alten Vampir, der plötzlich rasend schnell altert. Der bekannte Make-up-Künstler Dick Smith entwickelte diesen Effekt. In der Werkstatt seines Kellers nahm er den Abdruck von Bowies Gesicht und fertigte Schaumgummi-Teile an, die schichtweise aufgetragen wurden, um das Altern darzustellen.
1995 entwarf Bowie zusammen mit dem südafrikanischen Künstler Beezey Bailey seine erste Kunstausstellung. Teil davon war eine Reihe von Gesichtsmasken aus silbernem Kunstharz. Bailey fertigte sie in seinem Atelier an und verkaufte später eine begrenzte Stückzahl. Man erkennt diese Güsse an Bowies kleinem Kinn- und Oberlippenbart.
Zwei Jahre später, 1997, arbeitete Bowie mit dem Künstler Tony Oursler am Musikvideo zum Song I’m Afraid of Americans / I Can’t Read. Bowie trägt darin eine unregelmäßig geformte, weiße Maske. Auf diese wurden verschiedene Projektionen seines Gesichts geworfen, was einen verzerrten, unheimlichen Effekt erzeugte.
Der letzte bekannte Abdruck von Bowies Gesicht entstand ebenfalls 1997 für die Fernsehserie The Hunger. Bowie spielte darin einen verrückten Künstler, der am Ende stirbt und als Kunstwerk inszeniert wird. Der kanadische Spezialeffekte-Macher Erik Gosselin nahm dafür Abdrücke von Bowies Gesicht und Körper. Daraus entstanden sehr detaillierte und erschreckend lebensechte Silikon-Prototypen.
Eine seiner letzten großen Titelgeschichten hatte Bowie 2013 auf dem NME-Magazin, um das überraschend erschienene Album The Next Day anzukündigen. Der damalige Chefredakteur erinnerte sich, dass das Foto uneingeladen im Posteingang landete. Hinter einer flachen, silbernen Maske blickten unverkennbar Bowies Augen hervor. Bowie wählte bewusst eine ausdruckslose Fläche, um sein Alter und seine Identität für die Öffentlichkeit zu verbergen.
Auch andere Künstler erwarben Kopien der Formen und erstellten eigene Masken. Die Künstler Mark Wardel und William Forsche schafften es mit ihren Werken sogar direkt in Bowies persönliches Archiv. Wardel schickte Ende 2015 beispielsweise eine von Pin Ups inspirierte Maske als Weihnachtsgeschenk an Bowies Management.
Das David Bowie Archiv zeigt deutlich: Bowies Gesicht wurde ununterbrochen fotografiert, gezeichnet, gefilmt, gegossen, vervielfältigt und verändert. Der gezielte Einsatz von Masken und Gesichtsabdrücken war eines seiner stärksten Werkzeuge, um das Geheimnis um seine Person aufrechtzuerhalten. Sein Gesicht ist dadurch bis heute unverkennbar und doch greifbar unvollständig geblieben.

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